Kleist über Caspar David Friedrich: „Mönch am Meer“ neu gelesen

Titelgrafik zu Kleists Text über Caspar David Friedrichs Mönch am Meer, 1810

Es ist eine der berühmtesten Reaktionen der deutschen Kunstkritik, und sie steht in einer Zeitung, die nur ein halbes Jahr existierte. Am 13. Oktober 1810 erschien im 12. Blatt der Berliner Abendblätter ein kurzer Text mit dem Titel „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“. Verfasser laut Zeitungskopf: Heinrich von Kleist. Die Sache ist komplizierter.

Das Bild

Caspar David Friedrichs Der Mönch am Meer war 1810 in der Berliner Akademieausstellung zu sehen und stellte die Betrachter vor ein Problem. Das Bild verweigert fast alles, was ein Landschaftsgemälde damals leisten sollte. Es gibt keinen Vordergrund, der den Blick hineinführt, keine Repoussoirbäume an den Rändern, keine Staffage, die Maßstab gäbe. Es gibt einen schmalen Streifen Strand, eine dunkle Wasserfläche und darüber, den größten Teil der Leinwand einnehmend, Himmel. Eine winzige Figur steht am Ufer.

Wer vor dem Bild steht, hat nichts, woran der Blick sich festhalten kann. Genau das war die Provokation.

Der Text und seine Vorgeschichte

Verfasst hatten den Text ursprünglich Achim von Arnim und Clemens Brentano. Kleist schrieb ihn für den Druck jedoch erheblich um – von der Stelle „Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein…“ an stammt die Passage vollständig von ihm.

Kleist hat das nicht verheimlicht. Im 19. Blatt vom 22. Oktober 1810 stellte er klar, dass „nur der Buchstabe“ den genannten Herren gehöre; „der Geist und die Verantwortlichkeit dafür“ lägen bei ihm. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung – eine Redaktionsnotiz, die zugleich eine Autorschaftstheorie enthält: Nicht wer die Wörter zuerst hinschrieb, ist verantwortlich, sondern wer den Text zu dem gemacht hat, was er ist.

Warum der Eingriff? Arnim und Brentano hatten eine ironische Szene geschrieben, in der Ausstellungsbesucher vor dem Bild allerlei Unsinn reden. Kleist strich die Distanz weg und ersetzte sie durch eine direkte Beschreibung dessen, was das Bild mit einem Betrachter macht.

Die weggeschnittenen Augenlider

Der Satz, um dessentwillen der Text überlebt hat, steht gegen Ende. Kleist beschreibt das Betrachten des Gemäldes als einen Zustand, als wären einem die Augenlider weggeschnitten.

Das ist ein körperliches Bild für eine ästhetische Erfahrung, und es ist grausam genau. Augenlider erlauben das Wegschauen; sie sind die eingebaute Möglichkeit, eine Wahrnehmung zu beenden. Ein Bild, das diese Möglichkeit aufhebt, lässt keine Betrachtung im gewohnten Sinn zu. Die Gleichförmigkeit und Grenzenlosigkeit der Komposition – nichts als Rahmen und leerer Horizont – erzeugt eine Unausweichlichkeit, vor der es kein Ausweichen gibt.

Kleist beschreibt damit ausdrücklich kein Wohlgefallen. Das Bild produziert Unbehagen, nicht Genuss. Dass er das als Auszeichnung und nicht als Mangel versteht, ist der Bruch mit der klassizistischen Ästhetik seiner Zeit.

Warum das bis heute zitiert wird

Der Text hat eine Nachwirkung, die in keinem Verhältnis zu seiner Länge steht. Er gilt als eine der frühesten Beschreibungen dessen, was später das Erhabene in der Moderne heißen sollte – eine Kunsterfahrung, die den Betrachter nicht bestätigt, sondern überfordert.

Zugleich ist er ein Dokument über die Kunstkritik selbst. Kleist beschreibt nicht das Bild, sondern die Wirkung des Bildes auf ihn. Er referiert keine Bildgegenstände, er zählt keine maltechnischen Qualitäten auf. Er sagt: So fühlt sich das an. Dieses Verfahren war 1810 neu und ist heute so selbstverständlich, dass man den Bruch kaum noch bemerkt.

Zwei Männer im selben Jahr

Ein bitterer Zusammenhang am Rande: Die Berliner Abendblätter waren Kleists letzter Versuch, sich als Publizist zu etablieren. Die Zeitung erschien von Oktober 1810 bis März 1811 und scheiterte an Zensur und wirtschaftlicher Not. Am 21. November 1811 nahm sich Kleist am Kleinen Wannsee das Leben.

Friedrich dagegen wurde 1810 – auch dank der Aufmerksamkeit für den Mönch am Meer – zum Mitglied der Berliner Akademie ernannt. Das Bild, das Kleist die Augenlider wegschnitt, war für seinen Maler der Durchbruch.

Der Mönch am Meer hängt heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Weitere Texte zu Kunst und Fotografie in der Rubrik Kultur, etwa zu Ansel Adams und Evelyn Richter.