Picture my Day Day: Was von der Blogparaden-Ära blieb

Titelgrafik zum Picture my Day Day, monatlich am 28.

Am 28. eines jeden Monats fotografieren Menschen in ganz Deutschland ihren Tag. Nicht für ein Magazin, nicht für einen Wettbewerb, nicht für Reichweite – sondern weil an diesem Tag der Picture my Day Day stattfindet und sie mitmachen.

Das Format

Die Regeln sind so einfach, dass sie in einen Satz passen: Man dokumentiert einen Tag in Bildern und veröffentlicht sie. Gebraucht wird eine Kamera oder ein Smartphone und ein Ort zum Publizieren – ein Blog, ein Twitter- oder ein Instagram-Account. Die Beiträge tragen einen Jahres-Hashtag, 2024 etwa #pmdd2024.

Es gibt keine Jury, keinen Preis, keine Themenvorgabe. Wer den Tag am Schreibtisch verbringt, fotografiert den Schreibtisch. Genau darin liegt der Reiz: Das Format belohnt nicht das interessanteste Leben, sondern die Bereitschaft, das eigene zu zeigen.

Herkunft und Wandel

Gestartet wurde der Picture my Day Day von Magdeblog.de. In seiner ursprünglichen Form wanderte er – er wurde von einer Person an die nächste weitergereicht, die dann die jeweils nächste Ausgabe ausrichtete. Bis 2019 kam das Format auf über 32 Ausgaben.

Seit 2020 ist es standardisiert: monatlich, immer am 28. Aus dem gereichten Staffelstab wurde ein fester Termin.

Dieser Wandel ist die interessanteste Information über das Format. Das Weiterreichen war typisch für die deutsche Blogosphäre der Nullerjahre und frühen Zehnerjahre – Blogparaden, Stöckchen, Linkups funktionierten alle nach demselben Prinzip: Jemand macht mit und benennt die Nächsten. Das erzeugte Verbindungen zwischen Blogs, die sonst nichts miteinander zu tun hatten.

Der feste Termin ersetzt dieses soziale Gerüst durch ein Kalenderdatum. Das ist robuster – ein Termin fällt nicht aus, wenn jemand keine Lust hat – und zugleich weniger verbindlich. Es ist der Unterschied zwischen einer Einladung und einem Feiertag.

Was aus den Blogparaden wurde

Wer in den frühen Zehnerjahren einen deutschen Blog las, kam an diesen Formaten nicht vorbei. Sie hatten oft nur halb übersetzte Namen aus der amerikanischen Buchbloggerszene – „Waiting on Wednesday“, „In My Mailbox“, „Follow Friday“ – und funktionierten als das, was heute Vernetzung heißt: Sichtbarkeit durch gegenseitiges Verlinken.

Der Mechanismus ging verloren, als die sozialen Netzwerke die Verteilung übernahmen. Ein Instagram-Post erreicht Leute, ohne dass jemand ihn verlinken muss. Der Preis dafür ist, dass die Reichweite nicht mehr der Blogger gehört, sondern der Plattform – und dass sie sich ändert, wenn ein Algorithmus sich ändert.

Dass der Picture my Day Day diesen Übergang überlebt hat, während fast alle vergleichbaren Formate verschwanden, liegt vermutlich an seiner Anspruchslosigkeit. Er verlangt keinen Text, keine Rezension, keine Meinung. Er verlangt einen Tag und eine Kamera.

Der 21. und die Zählung

Frühere Ausgaben wurden durchnummeriert – „der 21. Picture my Day Day“, „der 22.“ und so fort. Diese Zählung stammt aus der Wanderphase, in der jede Ausgabe ein eigenes Ereignis mit eigenem Gastgeber war. Nach der Umstellung auf den monatlichen Rhythmus verlor sie ihren Sinn, so wie niemand den vierhundertsten Monatsersten zählt.

Die Nummern sind trotzdem eine brauchbare Zeitmarke. Wer heute auf eine Ausgabe mit zweistelliger Nummer stößt, weiß: Das war vor 2020, als das Format noch weitergereicht wurde und Blogs einander noch verlinkten, statt auf Plattformen zu posten.

Mitmachen

Der nächste Termin ist der 28. – wie jeden Monat. Mehr zur digitalen Kultur in der Rubrik Digitales, mehr zu Fotografie unter Kultur, etwa zu Evelyn Richter und Ansel Adams.