Nietzsches Schreibkugel: Wie das Werkzeug den Stil veränderte

Titelgrafik zu Nietzsches Schreibkugel von 1882

Im Februar 1882 traf in Genua eine Kiste ein. Darin lag ein Gerät, das aussah wie ein Igel aus Messing: eine Halbkugel, aus der 52 Tasten strahlenförmig herausragten, darunter ein Halter für das Papier. Friedrich Nietzsche, damals 37 und fast blind, hatte eine Schreibmaschine bekommen.

Die Erfindung eines Pfarrers

Das Gerät hieß Schreibkugel und stammte von Rasmus Malling-Hansen, einem dänischen Pfarrer und Leiter eines Taubstummeninstituts in Kopenhagen. Er hatte es 1865 entwickelt und 1870 patentieren lassen – damit war es die erste in Serie gefertigte Schreibmaschine der Welt, Jahre vor den amerikanischen Modellen von Remington, die sich später durchsetzten.

Malling-Hansens Ausgangsproblem war ein anderes als das der amerikanischen Konstrukteure. Er wollte, dass seine gehörlosen Schüler so schnell schreiben konnten, wie man spricht. Deshalb die Halbkugel: Die Tasten sind konzentrisch auf einem Kugelsegment angeordnet, sodass alle Finger sie erreichen, ohne dass die Hand wandern muss. Die häufigsten Buchstaben liegen dort, wo die stärksten Finger sitzen.

Gebaut wurden etwa 180 Stück. Rund 30 haben überdauert.

Warum Nietzsche eine brauchte

Nietzsche litt seit Jahren unter schwersten Sehstörungen und Kopfschmerzattacken, die ihn 1879 zur Aufgabe seiner Basler Professur gezwungen hatten. Die Beschwerden waren so weit fortgeschritten, dass er seine eigene Handschrift nicht mehr entziffern konnte. Seine Schwester Elisabeth besorgte das Gerät und ließ es an seinen Winteraufenthalt in Genua liefern.

Die Idee war bestechend: Ein Blindschreibgerät, gebaut für Menschen, die nicht hören – warum sollte es nicht auch einem taugen, der nicht sieht? Tatsächlich war die Schreibkugel eines der wenigen Geräte ihrer Zeit, mit denen man ohne Blick auf das Papier arbeiten konnte, weil die Tastenanordnung sich ertasten ließ.

Sechs Wochen, sechzig Seiten

Es funktionierte nicht lange. Nietzsche nutzte die Schreibkugel etwa sechs Wochen und brachte rund sechzig Seiten damit zustande, dann gab er auf.

Die Gründe waren praktischer Natur. Die richtige Taste zu finden, ohne hinzusehen, gelang ihm schlechter als erhofft; es entstanden viele Tippfehler, die von Hand korrigiert werden mussten. Und das Gerät war empfindlich: Beim Transport nahm die Mechanik Schaden, und in Genua fand sich niemand, der eine dänische Präzisionsmaschine reparieren konnte, von der weltweit nicht einmal zweihundert Stück existierten.

Der Satz

Aus diesen sechs Wochen stammt eine Bemerkung, die die Medientheorie des zwanzigsten Jahrhunderts beschäftigen sollte:

„Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Der Satz ist beiläufig hingeschrieben und trägt trotzdem weit. Er behauptet, dass das Werkzeug nicht neutral ist – dass ein Gedanke, der auf einer Maschine entsteht, ein anderer ist als einer, der mit der Feder entsteht. Nicht weil die Maschine denkt, sondern weil sie andere Bewegungen, andere Geschwindigkeiten und andere Pausen erzwingt.

Wer die Feder führt, kann mitten im Wort innehalten. Wer Tasten anschlägt, arbeitet in Einzelanschlägen. Ob Nietzsches Stil sich in diesen Wochen messbar veränderte, ist unter Philologen umstritten. Dass er selbst eine Veränderung wahrnahm und sie sofort zum Gegenstand machte, ist die eigentliche Leistung – er beschrieb einen medientheoretischen Zusammenhang, für den es die Disziplin noch nicht gab.

Nebenbei schrieb er auch Verse über das Gerät und nannte es darin ein Ding aus Eisen, dem man mit Geduld und Takt begegnen müsse. Man hört den Ärger heraus.

Was daraus wurde

Die Schreibkugel setzte sich nicht durch. Remington und die flache Tastatur gewannen, und die Halbkugel verschwand in Sammlungen. Nietzsches Exemplar befindet sich heute in der Kunstgewerbesammlung der Klassik Stiftung Weimar; zugehörige Handschriften liegen im Goethe- und Schiller-Archiv.

Der Satz über das Schreibzeug hat länger gehalten als das Gerät. Friedrich Kittler stellte ihn ins Zentrum seiner Überlegungen zu Aufschreibesystemen, und jede Diskussion darüber, ob Textverarbeitung, Autokorrektur oder Spracheingabe die Art verändern, wie wir denken, führt zu derselben Frage zurück, die ein halbblinder Philosoph 1882 in Genua an einem kaputten Messingigel formulierte.

Für ein Onlinemagazin namens Typothek ist das ein naheliegender Gegenstand: Die Frage, was das Werkzeug mit dem Text macht, ist die Grundfrage der Typografie. Weiteres zum Thema unter digitale Typografie und in der Rubrik Kultur. Zum Erfinder einer anderen prägenden Technik: Karlheinz Brandenburg und das MP3-Format.