Am 23. Januar 1960 sank der Tiefseetauchboot Trieste mit zwei Männern an Bord auf den Grund des Marianengrabens – fast elf Kilometer unter dem Meeresspiegel, der tiefste Punkt der Erdoberfläche. An Bord waren der Schweizer Ozeanograf Jacques Piccard und der US-Marineleutnant Don Walsh. Aus diesem Tauchgang hat Poljak Wlassowetz seinen Debütroman gemacht.
Ein Autor unter Kunstnamen
Mirovia erschien 2014 im Leipziger Open House Verlag. Der Name auf dem Umschlag ist ein Kunstname. Dahinter steht René Koch, geboren 1986 bei Nürnberg, der unter seinem bürgerlichen Namen als Verleger, Lektor und Herausgeber beim Kopf & Kragen Literaturverlag arbeitet.
Koch studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Darmstadt sowie Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin. Vor dem Schreiben arbeitete er als Texter, als Radiomoderator und für Organisationen im Bereich Migration. Seit 2013 lebt er überwiegend in Berlin und arbeitet freiberuflich als Autor.
Die Aufteilung ist bemerkenswert: der bürgerliche Name für die Verlagsarbeit, der Kunstname für die eigenen Bücher. Das ist keine Verschleierung – beide Identitäten sind öffentlich –, sondern eine Trennung von Rollen. Wer im Hauptberuf über fremde Manuskripte entscheidet, hat gute Gründe, das eigene Schreiben davon abzusetzen.
Der Titel
Mirovia ist der Name eines hypothetischen Urozeans, der nach heutigem Kenntnisstand vor rund 750 Millionen Jahren den Superkontinent Rodinia umgab. Der Name leitet sich vom russischen mirovoi ab – „weltumspannend“.
Für einen Roman über den tiefsten Punkt der Gegenwartsozeane ist das ein präzise gesetzter Titel. Er verschiebt den Maßstab von der Expedition eines Nachmittags auf eine erdgeschichtliche Größenordnung – und stellt damit die Frage, die solche Tauchfahrten eigentlich stellen: Was bedeutet es, an einen Ort vorzudringen, der älter ist als alles, wofür wir Worte haben?
Die Konstruktion
Wlassowetz fiktionalisiert Piccards Tauchfahrt und legt darüber eine Figurenkonstellation, die als toxische Dreiecksbeziehung beschrieben wurde – zwischen den Figuren Buono, Sara Cocytus und Don Walsh. Die Handlung spielt in Süditalien, Kalifornien und auf Guam, dem Stützpunkt, von dem die Trieste tatsächlich zu ihrem Rekordtauchgang aufbrach.
Der Name Cocytus ist dabei kaum zufällig gewählt: In der griechischen Mythologie ist der Kokytos einer der Flüsse der Unterwelt, der Fluss der Wehklage. Ein Roman über den Abstieg in die tiefste erreichbare Stelle der Erde, in dem eine Figur nach einem Unterweltfluss heißt, macht seine zweite Ebene ziemlich deutlich.
Die Kritik las das Buch als „sehr lesenswerten modernen Wissenschafts- und Abenteuerroman auch mit literarischem Tiefgang“ – eine Einordnung, die das Doppelte benennt: Abenteuerstoff mit einer Konstruktion darunter, die mehr will als Spannung.
Verfilmt
2014 erschienen, 2017 verfilmt von Erik Zühlsdorf – das ist für einen Debütroman aus einem kleinen Verlag eine ungewöhnliche Laufbahn. Der Stoff bringt allerdings mit, was Verfilmungen anziehend finden: ein historisches Ereignis mit klarem Bild, drei Figuren, drei Schauplätze und eine Abwärtsbewegung, die sich als Struktur anbietet.
Im Verlagsprogramm
Mirovia erschien in der „Reihe 1“ für deutschsprachige und internationale Gegenwartsliteratur – derselben Reihe wie Babet Maders „Väter“ und Paula Bomers „Neun Monate“. Weitere Titel des Hauses: Ingvild Rishøi, Christoph Jehlicka und Babet Maders Debüt „hungrig“.