Paula Bomer: „Neun Monate“

Titelgrafik zum Roman Neun Monate von Paula Bomer, 2015

„Neun Monate“ klingt nach einem Buch über Schwangerschaft. Das ist es auch – aber nicht in der Weise, die der Titel nahelegt. Paula Bomers Roman erschien 2015 im Leipziger Open House Verlag, im Original 2012 als Nine Months bei Soho Press in New York.

Die Autorin

Paula Bomer wurde am 24. Mai 1968 in South Bend, Indiana geboren und lebt seit den 1990er Jahren in New York. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Söhne – eine biografische Angabe, die bei diesem Buch nicht beiläufig ist, weil sie erklärt, aus welcher Nähe heraus geschrieben wurde.

Neben dem Schreiben ist Bomer Verlegerin: Sie leitet Sententia Books und gibt die Literaturzeitschrift Sententia: A Literary Journal heraus. Das ist in der amerikanischen Independent-Literatur ein verbreitetes Doppelleben – wer selbst am Rand des Betriebs publiziert, baut sich oft die Infrastruktur, in der andere publizieren können.

Drei Bücher auf Deutsch

Open House hat Bomer konsequent aufgebaut. 2014 erschien der Erzählungsband Baby (Original: Baby. And other stories, Word Riot Press 2010), 2015 folgte der Roman Neun Monate, 2017 der Erzählungsband Madeleine (Original: Inside Madeleine. Stories, Soho Press 2014). Dazu kommt der Essayband Mystery and Mortality, 2017 bei Publishing Genius erschienen.

Drei Bücher einer amerikanischen Autorin, die im deutschsprachigen Raum keine Marke war, gebracht von einem kleinen Leipziger Verlag – das ist eine verlegerische Entscheidung, keine Marktreaktion.

Worum es geht, und warum das unbequem ist

Die Ausgangslage: Eine Frau, bereits Mutter zweier Kinder, wird ungeplant ein drittes Mal schwanger – und geht. Sie verlässt Mann und Kinder und fährt quer durch die Vereinigten Staaten.

Damit ist der Konflikt gesetzt, der das Buch zu dem macht, was es ist. Über Mutterschaft wird viel geschrieben, aber selten so, dass die Ambivalenz nicht am Ende aufgelöst wird. Die literarische Konvention will, dass eine Frau, die flieht, zurückkehrt und dabei etwas gelernt hat. Bomers Erzählweise ist dafür bekannt, sich diesem Versöhnungsdruck zu entziehen.

Die Kritik hat ihre Prosa wiederholt als schonungslos beschrieben – auch gegenüber den eigenen Figuren. Das ist kein Stilmerkmal, sondern eine Haltung: Wer über Ambivalenz schreibt und sie am Schluss auflöst, hat nicht über Ambivalenz geschrieben.

Das Übersetzungsproblem

Ein Roman, der so stark von der Erzählstimme lebt, ist ein Übersetzungsfall. Bomers Englisch ist knapp, direkt und ohne rhetorischen Schmuck. Genau dieser Ton ist im Deutschen schwer zu halten, weil die Sprache zum Ausbauen einlädt – deutsche Sätze werden beim Übersetzen fast automatisch länger und höflicher als ihre englischen Vorlagen.

Dass ein kleiner Verlag drei Bücher derselben Autorin herausbringt, statt nach dem ersten abzuwarten, ist auch deshalb bemerkenswert: Kontinuität in der Übersetzung ist bei einem stimmgetriebenen Werk keine Nebensache, sondern die Bedingung dafür, dass die Autorin auf Deutsch überhaupt als dieselbe erkennbar bleibt.

Im Kontext des Verlagsprogramms

Neun Monate erschien in der „Reihe 1“ für deutschsprachige und internationale Gegenwartsliteratur – derselben Reihe wie Babet Maders „Väter“ und Poljak Wlassowetz’ „Mirovia“. Weitere Titel des Hauses finden sich unter Ingvild Rishøi: „Winternovellen“ und Christoph Jehlicka.