Videointerview-Archiv 2006–2008: Zeitzeugen, Kuratoren, Fotografen

Titelgrafik Videointerview-Archiv 2006 bis 2008 der Typothek
Titelbild des Videointerview-Archivs der Typothek

Zwischen 2006 und 2008 entstand in Deutschland ein Format, für das es damals noch kaum ein Wort gab: das Videointerview im Netz, produziert ohne Sender, ohne Redaktionskonferenz, ohne Sendeplatz. Eine Kamera, ein Stativ, ein Gegenüber, das sich Zeit nahm. Was daraus wurde, liegt bis heute in diesem Archiv – und dieser Überblick führt durch die Gespräche, die es umfasst.

Die Ausgangslage war ungewöhnlich günstig. Videokameras waren erschwinglich geworden, Breitbandanschlüsse verbreitet genug, um mehrere Minuten bewegtes Bild auszuliefern, und die Bereitschaft prominenter Gesprächspartner, sich auf ein unbekanntes Medium einzulassen, war größer als heute. Niemand wusste, was ein „Videoblog“ sein sollte. Genau das öffnete Türen: Wer anfragte, bekam oft eine Zusage, weil das Format keine Erwartungen weckte, an denen es hätte scheitern können.

Warum ein Archiv und keine Chronologie

Die Gespräche sind über die Jahre auf verschiedenen Adressen gelandet, zwischenzeitlich verschwunden und an anderer Stelle wieder aufgetaucht. Diese Übersicht bündelt sie erstmals wieder an einem Ort. Sie ist nach Themenfeldern geordnet, nicht nach Aufnahmedatum – wer sich für Fotografie interessiert, soll nicht durch drei Jahre Zeitgeschichte scrollen müssen.

Jeder Eintrag führt auf eine eigene Seite mit Hintergrund zur Person und ihrem Werk. Die Porträts sind ausführlicher als die ursprünglichen Begleittexte: Sie ordnen ein, was zum Zeitpunkt des Gesprächs noch offen war und sich seither entschieden hat. Bei mehreren Gesprächspartnern ist das eine bittere Pointe – sie sind inzwischen gestorben, und die Aufnahmen sind zu Zeitdokumenten geworden, die sie nicht als solche geplant hatten.

Die Bedingungen des Formats

Ein Videointerview aus dieser Zeit sieht anders aus als eines von heute, und das hat technische Gründe. Aufgenommen wurde auf Mini-DV oder frühen Festplattenkameras, geschnitten auf Consumer-Software, ausgeliefert in Auflösungen, die auf einem heutigen Bildschirm grob wirken. Ein Clip von zehn Minuten war eine ernsthafte Zumutung für die Leitung des Zuschauers – und für den Speicherplatz des Anbieters.

Diese Beschränkungen haben das Format geprägt. Wer wusste, dass jede Minute Bild teuer ist, stellte präzisere Fragen. Es gab keine Möglichkeit, im Schnitt aus drei Stunden Material zwanzig gute Minuten zu destillieren, weil niemand drei Stunden aufnahm. Man kam vorbereitet, man kam zur Sache, und man hörte auf, wenn das Gespräch am Ende war.

Der zweite prägende Faktor war die Abwesenheit von Reichweitendruck. Es gab keine Klickzahlen, an denen ein Gespräch gemessen wurde, keine Vorschaubilder, die zum Anklicken überreden mussten, keine Empfehlungslogik, die auf Verweildauer optimierte. Ein Interview war fertig, wenn es fertig war. Was nach heutigen Maßstäben wie ein Mangel an Professionalität aussieht, war in Wahrheit eine Freiheit, die das Format später verloren hat.

Zeitgeschichte und Politik

Lothar de Maizière war der erste und einzige frei gewählte Ministerpräsident der DDR. Seine Amtszeit dauerte knapp ein halbes Jahr und endete mit dem Staat, den er regierte. Wer über die deutsche Wiedervereinigung spricht, kommt an dieser Perspektive nicht vorbei: Sie ist die eines Verhandlungsführers, der das eigene Land abwickelte.

Gunnar Heinsohn, Sozialwissenschaftler und langjähriger Bremer Hochschullehrer, hatte 2003 mit Söhne und Weltmacht eine These vorgelegt, die weit über die Fachwelt hinaus diskutiert wurde: dass demografische Überschüsse junger Männer Gewaltdynamiken befeuern. Die Debatte darüber ist bis heute nicht abgeschlossen, und sie wurde immer schon so scharf geführt, dass ein ruhiges Gespräch darüber selten war.

Hans-Eberhard Zahn saß 2.555 Tage in Haft der DDR-Justiz, verurteilt wegen antikommunistischer Publikationen. Er wurde Psychologe und erforschte später genau jene Verhörmethoden, die ihn hatten brechen sollen. Von 2001 bis 2010 arbeitete er als Zeitzeuge in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen – an einem der Orte seiner eigenen Haft.

Fotografie

Der größte Themenblock im Archiv. Das ist kein Zufall: Fotografen reden gern über Bilder, und ein Videointerview erlaubt, was ein gedrucktes nicht kann – das Bild zu zeigen, über das gerade gesprochen wird.

James Nachtwey hat über vier Jahrzehnte in Kriegs- und Krisengebieten gearbeitet, von Nordirland über Ruanda bis Afghanistan. Seine Position – dass die Fotografie ein Gegengift gegen das Vergessen sein kann und trotzdem an ihre Grenzen stößt – gehört zu den meistdiskutierten in der Dokumentarfotografie.

Evelyn Richter arbeitete Jahrzehnte in der DDR, meist gegen die Verhältnisse, in denen sie fotografierte. Ihre Bilder von Museumsbesuchern, Musikern und Arbeitenden gehören heute zum Kanon der deutschen Nachkriegsfotografie; zu Lebzeiten war ihre Anerkennung lange verzögert.

Bodo Niemann und Gerhard Riebicke stehen für einen Wiederentdeckungsfall. Riebicke fotografierte in den 1920er und 1930er Jahren die Körperkultur- und Freikörperkulturbewegung; sein Werk war weitgehend vergessen, bis der Berliner Galerist Bodo Niemann es zugänglich machte. Ein Gespräch über Nachlässe, Archive und die Frage, wer entscheidet, was aus einem Werk wird.

Will McBride wurde vor allem durch Zeig mal! von 1974 bekannt – ein Aufklärungsbuch, das seinerzeit als pädagogischer Fortschritt galt und Jahrzehnte später Gegenstand harter Kritik wurde. Der Fall ist ein Lehrstück darüber, wie sich gesellschaftliche Maßstäbe verschieben und was das rückwirkend mit einem Werk macht.

Kunst und Kuratieren

Thomas Weski prägte als Chefkurator am Haus der Kunst in München und in weiteren Häusern maßgeblich, wie Fotografie in Deutschland ausgestellt wird. Die Frage, die ihn dabei begleitet: Wie zeigt man Bilder, die für die gedruckte Seite gemacht wurden, an einer Museumswand?

Maurizio Cattelan ist der Gegenpol dazu – ein Künstler, dessen Arbeiten sich systematisch der ernsten Betrachtung entziehen und dabei präzise auf den Kunstbetrieb zielen, in dem sie hängen. Über ihn zu sprechen, ohne auf seinen Humor hereinzufallen, ist die eigentliche Schwierigkeit.

Handwerk, Bildung, Technik

André Müller gehört in dieses Archiv aus einem besonderen Grund: Er war selbst der radikalste deutschsprachige Interviewer seiner Generation. Seine Gespräche waren Konfrontationen, in denen er seine Gegenüber so lange bedrängte, bis etwas jenseits der eingeübten Antworten sichtbar wurde. Ein Interview mit einem Interviewer über das Interview – das ist entweder eine Zumutung oder die ehrlichste Form der Selbstauskunft.

Bernhard Bueb hatte 2006, mitten in der Entstehungszeit dieses Archivs, mit Lob der Disziplin eine der meistdiskutierten pädagogischen Streitschriften der Nullerjahre veröffentlicht. Der langjährige Leiter der Schule Schloss Salem stand danach im Zentrum einer Debatte über Autorität in der Erziehung, die schnell sehr grundsätzlich wurde.

Karlheinz Brandenburg hat am Fraunhofer-Institut maßgeblich das MP3-Format entwickelt – jene Technik, die erst das Musikhören und dann die gesamte Musikwirtschaft umgebaut hat. Dass ein Verfahren zur Datenreduktion eine Industrie umstürzen würde, war beim Entwickeln nicht absehbar.

Was von der Aufbruchsstimmung blieb

Der Grimme Online Award, der seit 2001 publizistische Qualität im Netz auszeichnet, war in diesen Jahren der Gradmesser dafür, ob unabhängige Webangebote ernst genommen wurden. Dass Videoblogs überhaupt in dieser Diskussion auftauchten, markiert den kurzen Moment, in dem offen war, wohin sich das Format entwickelt.

Beantwortet wurde die Frage dann anders, als alle erwartet hatten. Das lange, ruhige Videogespräch verschwand nicht – es wanderte in den Podcast, wo es ohne Bild billiger zu produzieren war, und in Videoplattformen, deren Empfehlungslogik andere Längen belohnt. Was aus dieser Zwischenzeit übrig ist, sind Aufnahmen von Menschen, die sich auf ein Medium eingelassen haben, dessen Regeln noch niemand kannte.

Genau darin liegt ihr Wert. Die Gesprächspartner hatten kein Medientraining für dieses Format, weil es keines gab. Sie wussten nicht, wie man sich in einem Videoblog verhält. Also verhielten sie sich, wie sie waren.

Wie man dieses Archiv liest

Zeitdokumente haben die unangenehme Eigenschaft, dass ihr Wert erst entsteht, wenn genug Zeit vergangen ist. Zum Aufnahmezeitpunkt waren diese Gespräche schlicht aktuelle Interviews mit interessanten Leuten. Erst der Abstand macht sichtbar, was sie zusätzlich enthalten: den Stand einer Debatte, bevor sie sich entschieden hat.

Bei den Gesprächen zur deutschen Zeitgeschichte ist das offensichtlich. 2006 lag die Wiedervereinigung sechzehn Jahre zurück – nah genug, dass die Beteiligten noch aktiv waren, fern genug für erste Bilanzen. Wer dieselben Fragen heute stellte, bekäme andere Antworten, weil sich die Deutungen inzwischen verfestigt haben.

Bei den Fotografie-Gesprächen liegt es anders. Dort verhandelt fast jedes Interview dieselbe Grundfrage, ohne dass die Beteiligten sich abgesprochen hätten: Was passiert mit einem fotografischen Werk, wenn sein Urheber es nicht mehr kontrolliert? Bei Riebicke ging es um einen vergessenen Nachlass, bei Evelyn Richter um verspätete Anerkennung, bei Will McBride um eine Neubewertung, die das Werk beschädigt hat. Drei Antworten auf dieselbe Frage, aufgenommen in einem Zeitraum von zwei Jahren.

Und schließlich ist da die schlichte Tatsache, dass mehrere der hier Porträtierten inzwischen gestorben sind. Aufnahmen, die als aktuelle Publizistik gedacht waren, sind damit zu etwas anderem geworden. Das ist kein Verdienst des Archivs – es ist nur das, was mit Aufnahmen passiert, wenn man sie lange genug aufbewahrt.

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Die Übersicht wird ergänzt, sobald weitere Porträts fertig sind. Wer ein bestimmtes Gespräch sucht, findet die Einzelseiten über die Links in diesem Text oder über die Kategorien Kultur und Magazin.