Hans-Eberhard Zahn: 2.555 Tage Haft und ein Leben als Zeitzeuge

Titelgrafik zum Porträt von Hans-Eberhard Zahn, 1928 bis 2013

Zweitausendfünfhundertfünfundfünfzig Tage. So lange saß Hans-Eberhard Zahn in Haft, und er hat diese Zahl später oft genannt, wenn er vor Schulklassen stand. Nicht „sieben Jahre“ – die Zahl der Tage. Wer sieben Jahre sagt, sagt eine Zeitspanne. Wer 2.555 Tage sagt, sagt: Jeder einzelne davon musste durchgestanden werden.

Verhaftet mit 25

Zahn wurde am 28. Juni 1928 in Stettin geboren. Nach dem Krieg studierte er in Berlin Psychologie und Philosophie an der Freien Universität – einer Hochschule, die 1948 gerade erst als Gegengründung zur von der SED kontrollierten Universität Unter den Linden entstanden war. Am 14. November 1953 wurde er in Ost-Berlin verhaftet. Der Vorwurf lautete Spionage. Verurteilt wurde er wegen antikommunistischer Publikationen: sieben Jahre Zuchthaus.

Die Haft führte ihn durch mehrere Stationen des DDR-Strafvollzugs – Berlin-Rummelsburg, Brandenburg-Görden, Bautzen – und in das geheime Haftarbeitslager X in Berlin-Hohenschönhausen. Am 21. November 1960 kam er frei, nachdem er die Strafe vollständig verbüßt hatte.

Die Fachfrage, die zur Lebensfrage wurde

Das Besondere an Zahns späterer Arbeit liegt in einer Überschneidung, die selten ist: Er war Psychologe, und er hatte am eigenen Leib erfahren, wie eine Institution Psychologie einsetzt, um Menschen zu brechen. Zwischen 1997 und 2007 veröffentlichte er mehrere Arbeiten zu den Haftbedingungen und zur Geständnisproduktion in den Untersuchungshaftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit.

Das ist ein nüchterner Titel für eine harte Sache. „Geständnisproduktion“ meint: Die Untersuchungshaft der Staatssicherheit war nicht primär darauf angelegt, herauszufinden, was jemand getan hatte. Sie war darauf angelegt, ein verwertbares Geständnis zu erzeugen. Isolation, Schlafentzug, Ungewissheit über die eigene Lage, der planmäßige Aufbau von Abhängigkeit gegenüber dem Vernehmer – das waren keine Übergriffe einzelner Beamter, sondern Methode.

Diese Zusammenhänge fachlich zu beschreiben, wenn man selbst darin gesessen hat, verlangt eine Trennung, die den meisten nicht gelingt. Zahn hat sie geleistet, ohne dabei zu behaupten, unbeteiligt zu sein.

Was „Haftarbeitslager X“ bedeutete

Der Ort, der in Zahns Haftbiografie am sperrigsten klingt, ist der aufschlussreichste. Das Gelände in Berlin-Hohenschönhausen war ursprünglich eine Großküche, wurde nach 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht als Speziallager genutzt und anschließend zum zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit ausgebaut. Auf keinem Stadtplan der DDR war es verzeichnet. Das Areal galt offiziell als militärisches Sperrgebiet.

Diese Unsichtbarkeit war Teil der Methode. Wer dorthin gebracht wurde, wusste nicht, wo er sich befand. Angehörige, die nach dem Verbleib eines Verschwundenen fragten, bekamen keine Auskunft, weil es die Anstalt nach der Aktenlage nicht gab. Die Ungewissheit begann also nicht mit der ersten Vernehmung, sondern mit der Fahrt im fensterlosen Transporter.

Vom Opfer zum Fachmann

Es wäre bequem, Zahns Lebenslauf als Läuterungsgeschichte zu erzählen: Haft, Freilassung, akademische Karriere, späte Ehrung. Der Verlauf war unbequemer. Nach der Entlassung 1960 nahm er das Studium wieder auf und lehrte anschließend bis 1993 an der Freien Universität Berlin – also mehr als drei Jahrzehnte, in denen die DDR nebenan existierte und das eigene Haftkapitel im Westen kaum jemanden interessierte.

Erst nach 1990 änderte sich das. Mit der Öffnung der Stasi-Akten und der Einrichtung der Gedenkstätten entstand ein Bedarf an Menschen, die beides konnten: erzählen, was geschehen war, und erklären, wie es funktionierte. Zahn gehörte zu den wenigen, bei denen fachliche Kompetenz und eigene Erfahrung zusammenfielen. Seine Veröffentlichungen ab 1997 fallen genau in diese Phase – er war damals bereits Ende sechzig.

Dass jemand die intensivste Arbeit seines Lebens in einem Alter beginnt, in dem andere aufhören, ist die eigentliche Pointe dieser Biografie.

Warum die Methode heute noch interessiert

Zahns Forschungsgegenstand hat über den historischen Fall hinaus Bestand. Die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen Dinge gestehen, die sie nicht getan haben, ist in der Rechtspsychologie international untersucht worden – und die Antworten ähneln sich: Isolation, Erschöpfung, Kontrollverlust und ein Vernehmer, der als einziger Ausweg erscheint, erzeugen Aussagen, die mit den Tatsachen wenig zu tun haben.

Was die Staatssicherheit betrieb, war insofern keine Erfindung, sondern die konsequente Anwendung von Erkenntnissen, die auch anderswo bekannt waren. Der Unterschied lag in der Systematik: Es gab Handreichungen, Schulungen und eine Institution, die diese Verfahren als reguläre Arbeitsweise verstand.

Zehn Jahre als Zeitzeuge

Von 2001 bis 2010 arbeitete Zahn als Zeitzeuge in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, an deren Gründung er als Mitbegründer und Beiratsmitglied beteiligt war. Die Gedenkstätte liegt auf dem Gelände der zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit – also an einem der Orte seiner eigenen Haft.

Zeitzeugenarbeit an einem Ort, an dem man selbst gefangen war, ist eine Zumutung, die man freiwillig auf sich nimmt. Die Besucher, überwiegend Schulklassen, wollen wissen, wie es war. Die Antwort verlangt jedes Mal, den Ort noch einmal zu betreten. Zahn hat das zehn Jahre lang getan.

Daneben engagierte er sich in Vorständen mehrerer Organisationen zur Wahrung der Wissenschaftsfreiheit – ein Thema, das für jemanden, der für Publikationen ins Zuchthaus ging, kein abstraktes war. Am 25. Februar 2011 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er starb am 29. August 2013 in Berlin-Steglitz im Alter von 85 Jahren.

Warum das Gespräch von 2006 zählt

Das Videointerview mit Zahn entstand 2006, mitten in seiner Zeit als Zeitzeuge und sieben Jahre vor seinem Tod. Es fällt damit in ein schmales Fenster: nah genug an der eigenen Erfahrung, dass sie präsent war, weit genug entfernt, dass sie geordnet erzählt werden konnte – und noch zu Lebzeiten eines Menschen, den man heute nicht mehr fragen kann.

Das ist die stille Dringlichkeit hinter aller Zeitzeugenarbeit zur DDR-Geschichte: Die Generation, die aus eigener Anschauung berichten kann, wird kleiner. Was 2006 noch ein Gespräch war, ist heute eine Quelle.

Wer sich für die Gespräche dieser Jahre interessiert, findet sie im Videointerview-Archiv. Zur deutschen Teilungs- und Nachwendegeschichte gehört dort auch das Gespräch mit Lothar de Maizière, dem einzigen frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR – eine Perspektive, die zu Zahns fast spiegelbildlich steht: hier der Inhaftierte, dort der Verhandlungsführer.