Die Buchblogger-Ära 2011–2013: WoW, IMM und die Linkup-Formate

Titelgrafik zur Buchblogger-Ära 2011 bis 2013 mit den Linkup-Formaten WoW, IMM und FF

„My WOW“. „My IMM“. „My FF“. Wer diese Kürzel heute liest, hält sie für Tippfehler. Zwischen 2011 und 2013 waren sie die Verkehrssprache einer Szene, die es so nicht mehr gibt: der Buchbloggerinnen, die sich jede Woche gegenseitig verlinkten, bis daraus ein Netz wurde.

Dieses Archiv enthält Beiträge aus genau dieser Zeit. Ihre Linkstruktur ist bis heute messbar – und sie erzählt eine Geschichte, die aus den Texten allein nicht hervorginge.

Was die Zahlen zeigen

Eine Auswertung der eingehenden Links auf diesen Bestand ergibt eine Rangfolge, die für sich spricht. Gezählt sind verweisende Domains, also einzelne Blogs:

  • My WOW – 271 Blogs
  • My IMM – 146 Blogs
  • My FF – 138 Blogs
  • My Hop – 166 Blogs
  • My Post – 78 Blogs
  • My Week – 74 Blogs
  • My Haul/Week – 40 Blogs
  • My Picks – 22 Blogs
  • My Week in Review – 18 Blogs

Über tausend Verweise, verteilt auf eine Handvoll immer gleicher Formeln. Kein einziger dieser Ankertexte beschreibt einen Inhalt. Sie beschreiben ein Ritual.

Die Formate

WoW – Waiting on Wednesday. Jeden Mittwoch stellte man ein Buch vor, das noch nicht erschienen war und auf das man wartete. Gastgeber war der Blog Breaking the Spine. Das Format war das erfolgreichste der Szene, und das aus einem nachvollziehbaren Grund: Vorfreude lässt sich leichter teilen als ein Urteil. Wer über ein noch unveröffentlichtes Buch schreibt, kann niemandem widersprechen.

IMM – In My Mailbox. Sonntags zeigte man, welche Bücher in der Woche ins Haus gekommen waren – gekauft, geliehen, geschenkt oder als Rezensionsexemplar. Ausgerichtet wurde es von The Story Siren. Das Format hatte eine soziale Funktion, die selten ausgesprochen wurde: Es machte sichtbar, wer von Verlagen beliefert wurde und wer nicht.

FF – Follow Friday. Freitags folgte man einander. Das Format existierte ausschließlich zum Zweck der Vernetzung; ein Thema hatte es nicht. Man beantwortete eine Wochenfrage und verlinkte die Liste aller Teilnehmenden.

Friday Memes. Eine Kombination zweier Formate: Book Beginnings on Fridays – der erste Satz des aktuellen Buchs – und The Friday 56 – ein Satz von Seite 56. Zwei willkürliche Stichproben aus einem Buch, wöchentlich, von Hunderten gleichzeitig.

Week in Review. Der Wochenrückblick: was gelesen, was rezensiert, was gekauft wurde. Das persönlichste der Formate und dasjenige, das am ehesten wie ein Tagebuch funktionierte.

Hops und Challenges. Blog Hops führten Leser von Blog zu Blog. Challenges – etwa die ABC Challenge, bei der man zu jedem Buchstaben ein Buch las – strukturierten das Lesejahr und lieferten das ganze Jahr über Anlässe zum Verlinken.

Warum das funktionierte

Die Formate lösten ein Problem, das jeder neue Blog hat: Niemand weiß, dass es ihn gibt. Vor den sozialen Netzwerken gab es dafür keine Abkürzung. Reichweite entstand ausschließlich dadurch, dass andere verlinkten.

Ein wöchentliches Linkup drehte diese Logik um. Man musste nicht darauf hoffen, entdeckt zu werden – man trug sich in eine Liste ein und war Teil von ihr. Wer mitmachte, bekam Besuch von den anderen Teilnehmenden, und die Verpflichtung war gering: ein Cover, drei Sätze, fertig.

Der Preis dafür war Uniformität. Hunderte Blogs veröffentlichten mittwochs dieselbe Art Beitrag über oft dieselben Bücher. Für die einzelne Bloggerin war das rational; in der Summe entstand eine Menge Text, den außerhalb der Szene niemand las.

Genau das erklärt die Ankertexte. „My WOW“ ist keine Beschreibung – es ist ein Erkennungszeichen unter Leuten, die alle dasselbe tun.

Warum es endete

Es gab kein Ereignis, das die Szene beendete. Es gab eine Verschiebung.

Instagram machte ab etwa 2013 sichtbar, was ein Blogpost mit Coverfoto mühsam leisten musste, und tat es besser: Ein Bücherstapel ist ein Bild, und Bilder verbreiten sich auf einer Bildplattform von selbst. Bookstagram und später BookTok übernahmen die Funktion der Linkups – Sichtbarkeit durch Teilnahme an einem gemeinsamen Format –, ohne dass jemand eine Liste pflegen musste.

Der Unterschied liegt darin, wem die Reichweite gehört. In einem Linkup verlinkten Blogs einander direkt; die Verbindung war Eigentum der Beteiligten und blieb bestehen. Auf einer Plattform vermittelt ein Algorithmus, und was er heute zeigt, kann er morgen verbergen.

Die Links aus jener Zeit sind übrigens der Grund, warum es diese Seite gibt: Sie zeigen bis heute auf diesen Bestand, während die Blogs, die sie setzten, größtenteils abgeschaltet sind.

Die Formate leben weiter

Bemerkenswerterweise sind einige nie verschwunden. Book Beginnings on Fridays und The Friday 56 werden bis heute wöchentlich gespielt, in kleinerem Kreis und auf Blogs, die den Wechsel überstanden haben. Auch der Picture my Day Day läuft weiter – monatlich, am 28.

Was diese Überlebenden gemeinsam haben: Sie verlangen wenig. Ein Satz, ein Foto, ein Tag. Die Formate, die eine ausgearbeitete Rezension voraussetzten, sind verschwunden; die mit der niedrigsten Hürde sind geblieben.

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Rezensionen und Autorenporträts aus diesem Bestand finden sich in der Rubrik Kultur – etwa zu Ingvild Rishøi, Babet Mader, Paula Bomer und Poljak Wlassowetz. Zur digitalen Kultur allgemein: Digitales.